Fast hätte es mit dem Wunder von Bremen geklappt – knappe Niederlage für Hameln

Aus dem Tagebuch eines Schachspielers…

Diesmal ging es gegen die Aufstiegsfavoriten Werder Bremen, die letztes Jahr aus der 2. Bundesliga abgestiegen waren. Auf unserer Seite fehlte Adrian, dafür bekamen wir Gerhard als Verstärkung aus der Zweiten. Unserer beiden Topspieler reisten zusammen per Zug an, der Rest traf sich in Hameln. Die 2-stündige Fahrt war recht ereignislos. Mit „Queen“ wollte ich meine Mitstreiter in Stimmung bringen, doch die wollten immer nur über das „eine Thema“ reden. Doch ich schob sofort einen Riegel davor und drohte mit dem Rauswurf aus meinem Auto. Das half und so wurde meine Lieblingsmannschaft im Fußball nicht genannt. 😉

In Bremen angekommen, war schnell ein Parkplatz gefunden und schon schaute ich auf die gegnerische Aufstellung. Nur ein Spieler aus der Stammmannschaft, das hätte schlimmer kommen können. Aber nicht falsch verstehen, Bremen war immer noch mit 5 Titelträgern angetreten und die restlichen drei Spieler hatten auch Dampf auf dem Kessel. Anders ausgedrückt: An allen acht Brettern waren wir nominell schwächer. Doch bevor es losging, wurde noch gegessen. Unsere Gastgeber hatten halbe Brötchen und Kaffee bereitgestellt. Das ließen sich einige Hamelner nicht zweimal sagen. 😉

Der ungleiche Wettkampf begann pünktlich um 11 Uhr. Aber wie heißt es immer: „ELO-Zahlen spielen kein Schach.“ Also ran an die Partien ohne Computerüberprüfung!

SV Werder Bremen II (5) : (3) Hamelner SV

1 2351 Spartak Grigorian ½ : ½ Wilfried Bode 2348 FM
2 IM 2398 Sven Joachim ½ : ½ Matthias Tonndorf 2227 FM
3 IM 2354 Christian Richter ½ : ½ Lutz van Son 2169
4 FM 2286 Sven Charmeteau 1 : 0 Kai Renner 2169
5 FM 2189 Olaf Steffens ½ : ½ Dennis Schmidt 2035
6 2191 David Kardoeus 1 : 0 Dr. Frank Gerstmann 2150
7 FM 2140 Matthias Krallmann 0 : 1 Yannick Koch 2059
8 2131 Collin Colbow 1 : 0 Gerhard Kaiser 2120

Ich fühlte mich ein wenig in der Zeit zurückgesetzt, in die gute alte Wiener Kaffeehaus-Zeit des späten 19. Jahrhunderts. Ganz tief aus der Mottenkiste kramte ich eine Variante aus, die meinen Gegner keine großen Aktivierungsmöglichkeiten gab. Zwar bekam mein Gegenüber das Läuferpaar, ich dafür einige Mehrtempi. Es sollte sich zeigen, dass die bessere Entwicklung wertvoller war und so drückten meine Streitkräfte das gegnerische Material auf die letzten beiden Reihen zurück. Ein plötzliches Remisangebot ließ mich lange nachdenken. Annehmen oder weiterspielen? Doch mein Hochleistungsprozessor fand keine Variante, die zum Sieg führte – daher die Punkteteilung. Stockfish zeigte mir später auch, dass es keinen direkten Gewinnweg gab.
0,5 – 0,5

Bei Kai’s Partie ging es vor allem um die Initiative. Der Gegner griff im Zentrum und Königsflügel an, Kai operierte am Damenflügel und ließ seinen König in der Mitte. Ein raffiniertes Turmmanöver des Gegners drängte Kai in die Defensive. Mit abnehmender Zeit, häuften sich dann die Fehler beim Rattenfänger. Kurz flackerte noch ein Fünkchen Hoffnung auf, dass die Stellung zu halten war. Doch ein Luftzug ließ die Stellung zusammenbrechen.
0,5 – 1,5

Bei Wilfried’s Partie kam einige unerwartete Stellungsbilder. Seine Streitkräfte griffen nach einem Bauernopfer am Damenflügel an und trieb die gegnerische Dame auf die Grundreihe zurück. Das Mittelspiel verkomplizierte sich und ein Materialgewinn wurde leider übersehen. Nachdem sich dann der ganze Pulverdampf verzogen hatte, wurde das Remis vereinbart.
1,0 – 2,0

Gerhard hatte nach 15 Zügen eine schwierige Stellung zu verwalten. Ein vermeidliche Drohung einen Bauern zu gewinnen entwickelte sich zum Bumerang. Sein junger Gegner zeigte Gerd einige schöne taktische Wendungen und gewann selbst zwei Bauern. Der Hamelner versuchte mit dem Läuferpaar noch ein wenig im Trüben zu fischen, doch wollte kein Fisch mehr anbeißen und das Endspiel war einfach nur verloren.
1,0 – 3,0

Würde es die befürchtete hohe Klatsche geben? Oder sollte doch noch die Wende kommen? Nun hatte ich ein wenig Zeit und konnte die restlichen Stellungen genauer betrachten. Dennis, Matthias und Yannick spielten mit Mehrmaterial ihre Endspiele und Frank verwaltete ein sehr remisträchtiges Endspiel mit Läufer + 3 Bauern vs. Turm + 1 Bauern.

Lange Zeit konnte Yannick einen positionellen Vorteil herausspielen und eine Qualität gewinnen. Das Mittelspiel sah gut aus, bis die drohende Zeitnot Yannick wieder die ganzen Früchte seines Erfolges wegnehmen wollte. Etwas hektisch wurde es und der Vorteil wurde züglich kleiner. Ein grober Bock ließ Yannick sogar kurzfristig auf Verlust stehen. Aber auch sein Kontrahent streute einige ungenaue Züge ein, so dass sich das Blatt noch mal wendetet und wir den Anschlusstreffer schießen konnten. No Risk, no Points! 😉
2,0 – 3,0

Vielen Dank an Yannick, der uns wieder seine Partie zur Verfügung gestellt hat!

Dennis spielte eine sehr interessante Variante. Der Vorteil und Initiative wechselte mehrfach die Seiten. Im entscheidenden Moment konnte Dennis einen Bauern abfischen und ins gewonnene Endspiel einlenken. Doch das entwickelte sich dann schwieriger als gedacht. Eine Ungenauigkeit im Endspiel reichte und der schöne Vorteil wurde negiert. Schade, schade, denke da war ein ganzer Punkt gut möglich gewesen.
2,5 – 3,5

Matthias zeigte wieder aufsteigende Form und kämpfte verbissen um die Initiative. Es gelang ihm dem gegnerischen IM in die Defensive zu drängen. Ein Figurengewinn leuchtetet schon, doch Matthias wählte eine andere gewinnträchtige Variante und gewann die Qualität. Doch nun begann der mühsame Teil der Partie. Die Stellung war nicht einfach gewonnen, da sein Gegner noch einen Bauern dafür bekommen hatte. Matthias zeigte alles, griff am Damen- und Königsflügel an, sprengte die gegnerische Bauernkette – doch es half alles nichts. Die Stellung blieb in der Remisbreite und so wurden auch hier die Punkte geteilt.
3,0 – 4,0

Nach einen interessanten Eröffnungsbehandlung hatte Frank durchaus Potenzial auf Gewinn zu spielen. Die Stellung wurde komplizierter und Frank musste die Qualität geben, bekam dafür noch einen Bauern. Kurz vor der ersten Zeitkontrolle konnte Frank eine Ungenauigkeit ausnutzen und noch einen weiteren Bauern abstauben. Nun war die Stellung im Prinzip Remis. Läufer + 3 Bauern vs. 1 Turm und 1 Bauern. Alle seine Bauern waren gedeckt und sein Freibauer war schon etwas vorgezogen. Dann passierten merkwürdige Dinge. Frank sah Gespenster und meinte, sein Bauer könnte einfach durchlaufen. Falsch gedacht = Bauernverlust. Die Stellung war immer noch Remis doch mit zunehmender Zeitnot wurden seine Züge ungenauer und Frank wurde austempiert. Menno, das war wirklich nicht notwendig gewesen.
3,0 – 5,0

Tja, nun haben wir den wichtigsten und die beiden unwichtigsten Wettkämpfe der Saison hinter uns und liegen nicht auf einen Abstiegsplatz. Ziel erfüllt! Die Wahrscheinlichkeit Meister zu werden ist verschwunden, doch noch können wir Kai’s Vorgabe „Kampf um Platz 3“ wahrnehmen. 😉 Die zukünftigen Gegner sind zwar alle stärker, doch im schlagbaren Rahmen. Das hatten wir ja schon letztes Jahr demonstriert.

Was ist noch in der Liga passiert? Werder Bremen und Lister Turm sind beide verlustpunktfrei vorne. Im unteren Drittel haben die SF Hannover knapp gegen Hannover 96 gewonnen. Das heißt Hannover 96 ist mit 0 MP Letzter. Dann kommen eine Menge Mannschaften mit 2 MP, uns eingeschlossen. Somit sollten wir noch ein, zwei Punkte holen, damit wir sicher drin bleiben. Nächstes Mal kommen die SF aus Nordhorn-Blanke, sicher mit holländischer Verstärkung an Board. Das wird sicher nicht einfach sein, doch wer will es schon einfach?

3 Kommentare

  1. Müssen wir befürchten das die Zensur in Hameln Einzug hält und die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, nur weil die „kriminelle Vereinigung“ auf Platz 5 steht?

  2. Schöner Bericht, Lutz. Mein Endspiel schien nach Analyse tatsächlich Remis zu sein – trotz der 2 Mehrbauern. Scheinbar gab es in einer Stellung die Möglichkeit zu gewinnen, die ich aber nicht wahrgenommen und auch nicht gesehen habe. Leider hat man (bzw. ich) solche Endspiele zu selten auf dem Brett.

  3. Achim, nachdem man mein „heiligen Wagen“ betreten hat, ist Schluss mit Gleichberechtigung und Demokratie. Dann herrscht der letzte Diktotar Europas. 😉

    @Dennis: Dann kann ich noch den „Tigersprung 2100“ empfehlen. Ich glaube dieses Endspiel dort gesehen zu haben.

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