Wunder, Wahnsinn und Wiederaufstieg – nach dem Sieg ist vieles möglich

Aus dem Tagebuch eines Mannschaftsführers…

Warum nicht gleich so? Der HSV-Zug nimmt wieder Fahrt auf. Es gelingt der zweite Sieg in Folge. Doch drehen wir wieder die Uhr um ein paar Tage zurück.

Nach unserem ersten Sieg mussten wir natürlich gleich nachlegen. Doch schon früh war zu erkennen, dass diesmal nicht unsere Topbesetzung ans Brett kommen würde. Es gab einige Ausfälle zu beklagen, doch die göttliche Fügung ließ mich doch noch 6 Stammspieler rekrutieren. Die beiden Ersatzspieler sollte die zweite Mannschaft stellen und wieder musste ich mich im Armdrücken mit dem Mannschaftsführer der Zweiten messen. Schließlich gelang es mir doch noch, die gewünschten Spieler zu verpflichten.

So holte ich Igor ab und fuhr zum Spielertreffpunkt – was dort geschah, könnte man mit der Sichtung des Yetis oder Außerirdischen vergleichen. Seit gut und gerne 30 Jahre spiele ich Turnierschach und solange spielte ich im Prinzip (mit wenigen Ausnahmen) immer in der gleichen Mannschaft wie Kai. Zum allerersten Mal war Kai der erste Spieler am Treffpunkt und zudem auch noch pünktlich. 🙂 Die übrigen Spieler kamen auch rechtzeitig. So konnten wir Adrian und Yannick aus Afferde abholen und Richtung Hannover fahren. Ein paar Minuten vor Spielbeginn trafen wir im Spiellokal ein, dort wartete schon Friedmar. Perfekt – wir waren vollständig. Unser Gastgeber hatte schon alles aufgebaut, so konnte der Wettkampf pünktlich um 10.00 Uhr beginnen. Auch wenn Dennis noch 30 Minuten auf seine Gegnerin warten musste.

Die Aufstellung lautete:

Lister Turm 2 – Hamelner SV

1. Denger, Philipp – Schirm, Friedmar
2. Khodjabagyan, Seyran – Renner, Kai
3. Treiber, Burkhard – David, Adrian
4. Behrens, Harald – van Son, Lutz
5. Krasnodebska, Magdalena – Schmidt, Dennis
6. Seidler, Stefan – Kaiser, Gerhard
7. Hellwig, Ralf – Belov, Igor
8. Peleikis, Horst – Koch, Yannick

An den vorderen drei Brettern hatten unsere Spieler bis zu 200 DWZ-Punkte mehr auf dem Bankkonto – der Rest war ziemlich ausgeglichen. Doch wie sage ich immer: „DWZ-Zahlen spielen kein Schach.“ So sollte ein einseitiger Wettkampf beginnen.

Bei Adrian war nicht so viel auf dem Brett los. Die Figuren wurden getauscht und die Stellung blieb im strategischen Gleichgewicht. Keine Seite konnte irgendeinen Vorteil herausspielen. Schließlich einigte man sich nach ca. 2 Stunden auf Remis. Kein optimaler Start mit einer Weiß-Remis-Partie.
0,5:0,5

Aus meiner Eröffnung kam ich ganz gut raus und konnte das gegnerische Läuferpaar tauschen. Zwar hatte ich einige Tempi verloren, doch musste mein Gegner seine Truppen erst mal umgruppieren. So konnte ich meine Entwicklung vollenden und hatte eine gute Stellung erreicht. Nun wurden auf beiden Seiten einige Springerzüge getätigt, um diese in die Feindstellung zu manövrieren. Es folgte ein Generalabtausch und das entstandene Doppelturmendspiel bot beiden Seiten Chancen. Als erstes versuchte ich meinen Freibauern weiter nach vorne zu treiben. Dieser wurde aber rechtzeitig aufgehalten. Wenige Züge später war klar, dass keine Seite hier noch gewinnen konnte. So einigte man sich auf Remis. Die dritte Schwarzpartie in Serie und im nächsten Heimspiel gib es noch eine, wenn alle Spieler wieder an Bord sind. Die schwarze Serie geht also weiter. ^^ Trotzdem war ich mit dem Remis soweit zufrieden, auch Fritz bestätigte, dass sich die Partie immer zwischen +/- 0,3 befand.
1,0:1,0

Nun konnte ich zumindest die anderen Partien besser beobachten. Kai, Dennis und Friedmar standen recht ordentlich, auch wenn ich noch keinen wesentlichen Vorteil erkennen konnte. Gerhard hatte wohl ein remises Endspiel auf dem Brett gehabt. Yannick und Igor hatten sehr intensive Stellungen auf dem Brett, wobei alle drei Ergebnisse möglich wären. Da war noch nichts entschieden – würde das wieder einmal eine knappe Kiste werden?

Diesmal entschied sich Gerhard eine ruhige Variante zu spielen. Nach seiner langen Rochade in den ersten drei Wettkämpfen, wollte er diesmal ein besseres Ergebnis erzielen. Es wurde recht schnell viel Material getauscht, wobei Gerd danach die bessere Bauernstruktur bekam. Das Dame-/Springerendspiel verlief dann ein wenig zäh. Sein Gegner hatte weniger Zeit und wollte immer wieder die Dame in seine Stellung bringen. Doch Gerds Verteidigung hielt und die Damen wurden getauscht. Nun wollte der Hamelner die Bauernstruktur knacken. Doch das konnte der Weißspieler jedes Mal verhindern. So einigte man sich auf Remis. Gut, mit dem zweiten Schwarz-Remis konnten wir leben.
1,5:1,5

Nach gut zwanzig Zügen bewies Kai das er noch der Alte war. In der Eröffnung hatte der Hamelner einen Bauern gewonnen, allerdings seinen König noch in der Mitte gelassen. Es folgte ein gegnerisches Remisangebot. Wer Kai kennt, der weiß, dass er so etwas nicht annimmt. Doch warum zögerte er? Ein Blick auf die Uhr machte es klar. 20 Züge – 5 Minuten Restbedenkzeit. Man oh man, das zum Thema Zeitmanagement. Mein Pulsschlag erhöhte sich und steigerte sich noch mehr, als Kai das Remis ablehnte. Nun wurde es hektisch. Kai rochierte, gewann einen zweiten Bauern. Doch plötzlich drang ein gegnerischer Turm auf die Grundreihe ein. Es drohten Dauerschachmotive und seine Restbedenkzeit schmolz bedenklich dahin. Nun griff Kai fehl und der Gegner hätte seinen zweiten Turm böse ins Spiel bringen können. Doch dieser machte einen gravierenden Fehler – er nutzte nicht seine Bedenkzeit sondern blitzte mit und machte „schlechte“ Züge. Die Strafe folgte sofort und Kai konnte den König einzügig mattsetzen. Uffff, das war knapp zum Schluss.
2,5:1,5.

Dennis konnte sich erst mal 30 Minuten die anderen Partien ansehen, bis endlich seine Gegnerin ans Brett kam. Das war ja schon mal ein guter Start. Nach 20 Zügen hatte Dennis dann schon wieder weniger Bedenkzeit, als seine Gegenerin. Aus der Eröffnung heraus versuchte Dennis an allen Fronten ein wenig zu spielen. Am Königsflügel kam er nicht weiter, im Zentrum waren die Bauern verkeilt, so mussten seine Streitkräfte am Damenflügel den entscheidenden Angriff einleiten. Nach einer schönen Kombination fischte Dennis eine Qualität ab und bekam ein gewonnenes Endspiel aufs Brett. Seine Gegnerin wollte es sich nicht zeigen lassen und gab frühzeitig auf. 3,5:1,5

Die Stellung von Dennis vor dem taktischen Einschlag auf f7.
Die Stellung von Dennis vor dem taktischen Einschlag auf f7.

Friedmar zeigte die hohe Kunst des Schachspielens. Nach einen Bauernopfer spielten seine Truppen auf die schwachen Felder im Feindlager. Tatsächlich drangen nacheinander Springer, Dame und Turm ein und entfernten alle Bauern, bis der gegnerische König nackt war. Der Rest war Technik. Nach der Partie gestand Friedmar allerdings, dass das Bauernopfer gar nicht geplant war. Er hatte den Bauernverlust einfach übersehen – das geschieht auch unseren besten Spielern – der Unterschied ist einfach nur, sie gewinnen trotzdem ihre Partien. ^^
4,5:1,5

Somit hatten wir den Wettkampf gewonnen. Nun konnten wir uns ansehen, was unsere beiden Ersatzleute aus der zweiten Mannschaft abliefern. Bei Yannick sah es nach einem klaren Gewinn aus, sollte er diesmal seinen ersten vollen Punkt in der ersten Mannschaft abliefern? Und Igor hatte im Endspiel eine ausgeglichene Stellung auf dem Brett. Doch es sollte noch mal spannend werden.

Gut aus der Eröffnung kam Yannick raus und konnte ein wenig Druck am Damenflügel aufbauen. Allerdings machte sein Gegenüber am Königsflügel Dampf und rückte seinem König gefährlich nahe. Doch den richtigen Dosenöffner fand Yannick als erstes und konnte seine Dame auf b2 parken. Nun brach sein Gegner den Angriff ab und versuchte die Verteidigung zu stärken. Doch war es schon zu spät und Yannick konnte zweizügig eine Figur gewinnen. Warum der Gegner dann noch weitergespielt hat, wissen nur die Geister. Schließlich, mit einer Minusfigur und 4 Minusbauern, gab der Hannoveraner endlich auf. Jubel – Yannick hat seinen ersten Punkt in der ersten Mannschaft eingefahren.
5,5:1,5

Igor hatte seine typische Igorstellung auf dem Brett gehabt. Alles war im dynamischen Gleichgewicht. Fast das gesamte Material war noch auf dem Brett. Doch die Bedenkzeit seines Gegners schmolz bedenklich runter. Es kam zur Zentrumsöffnung und einem massiven Figurenabtausch. Zwischenzeitlich opferte Igor einen Bauern, konnte allerdings dafür seinen Turm in die gegnerische Stellung bringen. Es entstand ein Turm-, Läufer-, Springerendspiel und Igor konnte den Bauern zurückgewinnen. Die Sache schien Remis auszugehen. Doch dann zauberte sein Gegner einen Zug aus dem Hut und konnte einen gefährlichen Freibauern bilden. Nach dem Turmtausch musste Igor seinen Läufer gegen den Bauern geben. Nun hatte der Hamelner die a- und h-Bauern und einen Springer gegen h-Bauern, Springer und falschen Läufer. Es hätte zum Remis gereicht, wenn er den Springer abtauschte und dann einfach seinen König ins Eckfeld gestellt hätte. Doch was dann folgte, war von beiden Seiten ein ganz schlimmes Endspiel. Einfach ausgedrückt, schaffte Igor es, dass der Springer die Diagonale für den Läufer sperren und sein a- Bauern einfach durchlaufen konnte. Unglaublich aber wahr.
6,5:1,5

Gut, der Mannschaftssieg war hochverdient, fiel allerdings doch ein wenig zu hoch aus. Bis aufs Endspiel von Igor hatten wir keine größere Gefahr, eine Partie zu verlieren. Mit 4:4 Mannschaftspunkten und eine Menge Brettpunkten konnten wir nun den vierten Platz erobern. Die Tabellenspitze ist noch in Sicht, trotzdem benötigen wir Schützenhilfe, falls wir noch mal im Aufstiegskampf mitmischen möchten. Warten wir mal ab, schon nächstes Mal gegen SF Hannover kommt wieder ein starker Gegner.

5 Kommentare

  1. Mal wieder sehr treffend formuliert, Lutz! 😉 Um den Bericht ein bisschen aufzulockern, habe ich mir mal erlaubt, meine Stellung vor dem taktischen Einschlag einzufügen. Ggf. können wir das auch mit anderen/weiteren Partien machen.

  2. Armdrücken mit dem Mannschaftsführer der Zweiten, so so…
    Wenn ich gewusst hätte, dass wir nen Kontest austragen, hätte ich nicht einfach „OK“ gesagt, als Du Igor und Yannick angefordert hast :o)

  3. Toller Bericht-obwohl ich finde „Wiederaufstieg“ im Titel ist etwas zu übergriffen. Jaa, auch ich kann punkten. Damit dürfte mein unter Insidern bekannter Spitzname erstmal auf Eis gelegt werden.

  4. Das sieht dopch gut aus – Dennis, die Sache mit der Stellung gefällt mir.
    @Yannick – ich musste etwas mit „W“ verwenden – da kam mir der Wiederaufstieg gerade recht. Und schließlich sollte es unser Ziel sein, gleich wieder aufzusteigen.
    @Olli: Deswegen haben wir doch Mortal Combat gespielt. ^^ wusstest du das nicht?

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