„Magic“ Koch führt Hameln zum Sieg in Delmenhorst

Aus dem Tagebuch eines Schachspielers…

In der fünften Spielrunde durften wir zu den Schachfreunde aus Delmenhorst reisen. Leider stand der Wettkampf unter keinem guten Stern für uns. Adrian musste leider absagen und so wurde ein Spieler aus der zweiten Mannschaft „rekrutiert“. Das erwies sich schwieriger als gedacht aber nach langem hin und her übernahm unser erster Vorsitzender diese ehrenvolle Aufgabe. Am Spieltag selber liefen dann auch einige Sachen schief. Mein Wagen wollte sich partout nicht vom Strom abkabeln lassen. Erst nach einer Schimpftirade und ein wenig sanfter Gewalt konnte ich die Fahrt aufnehmen. Am Sammelpunkt angekommen bemerkte ich, dass ich gar nicht der letzte Spieler war. Nein, es fehlten noch vier Mitspieler. Unser Mannschaftsführer Kai war schon auf 180. Langsam trudelten die Spieler ein, nur Yannick fehlte. Ein kurzer Anruf folgte. „Mhhhh… Was? … verdammt … mein Wecker hat nicht geklingelt!“ So fuhr unser Mannschaftsführer schon los, während ich auf den Langschläfer wartete. Dafür, dass Yannick aus dem Bett gefallen war, kam er recht schnell zum Treffpunkt und mit knapp 15 Minuten Verspätung nahm ich die Fahrt in den Norden auf. Schnell auf die Autobahn, Tempomat auf 130 gestellt und schon sagte mein Navi, dass wir gegen 10:30 Uhr ankommen sollten. Fein, passt doch alles. Bis auf den festinstallierten Blitzer kurz vor Bremen passierte nicht viel. Keine Angst, bei mir hat er keine Autopassbilder produziert. 😉

In Delmenhorst mussten wir ein wenig suchen, bis wir endlich das Spiellokal gefunden hatten. Ein kurzer Blick auf die gegnerische Mannschaftsaufstellung… Hoppala! Delmenhorst war mit fast voller Kapelle und inklusive polnischem GM angetreten, der seinen ersten Einsatz in dieser Saison hatte. Da wollten die Gastgeber wohl die nötigen Punkte unbedingt heute holen und wir sollten als Punktelieferant dienen. Nur an zwei Brettern hatten wir einen marginalen ELO-Vorteil. An 6 Brettern gingen die Hausherren als Favorit ans Brett. Aber wie sage ich immer: „ELO-Zahlen spielen kein Schach.“ Die Spiele mögen beginnen. Also ran an die Partien OHNE Computerüberprüfung!

Delmenhorster SK 1,5 − 6,5 Hamelner SV

1. 2503 GM Tomasz Warakomski ½ : ½ FM Wilfried Bode 2344
2. 2342 FM David Höffer 0 : 1 FM Matthias Tonndorf 2188
3. 2302 Bernd Korsus 0 : 1 Kai Renner 2180
4. 2233 FM Fred Hedke ½ : ½ Lutz van Son 2159
5. 2032 Erik Pahl ½ : ½ Dennis Schmidt 2043
6. 2262 Daniel Margraf 0 : 1 Yannick Koch 2083
7. 2044 Theis Pahl 0 : 1 Felix-Hagen Jacobi 2080
8. 2005 Sören Grebener 0 : 1 Oliver Barz

Felix spielte seine „normale“ Eröffnung, die seinen Gegner mächtig unter Druck setzte. Nach einer taktischen Ungenauigkeit konnte der Rattenfänger erst Material und dann die Partie gewinnen. Sauber, in seiner ersten Saison hat Felix schon 3 Punkte aus den 5 Partien gesammelt. Nicht schlecht!
1,0 – 0,0

Nachdem Adrian aussetzte, war ich an diesem Spieltag der Senior der Truppe. Das kostete schon mal mindestens 5 Elo-Punkte. 😉 Nach einer durchaus interessanten Eröffnungsvariante spielt mein Gegner mit einen isolierten Freibauern. Nun hieß es das Schachwissen, dass ich meinen Schachkids beigebracht hatte, in dieser Partie zu demonstrieren und anzuwenden. Der Bauer wurde mit dem Läufer blockiert, alle anderen Figuren (2x Turm, Dame, Läufer und Springer) griffen den armen Landwirt an. Trotzdem schaffte es mein Gegenüber, nicht nur den Bauern zu verteidigen. Nein, der Blockadeläufer wurde getauscht und der Freibauer wurde immer weiter nach vorne getrieben. Nun musste Plan B her. Es wurde fast alles abgetauscht und Remis gemacht. Geht doch.
1,5 – 0,5

Nun kommen wir zur Schlüsselpartie des Wettkampfes. Nach dem Yannick die Eröffnungsphase verschlafen hatte, musste ein Qualitätsopfer her, um nicht überrannt zu werden. Die Stellung war faktisch schon um, das Ergebnis schon fast auf dem Ergebnisbogen eingetragen. Doch wie heißt es so schön, „Die Oper ist erst zu Ende, wenn die dicke Frau gesungen hat …“ Da Yannick nichts mehr zu verlieren hatte, spielte er locker weiter und schaffte einen Dameneinbruch in die gegnerische Stellung. Ein ungenauer Zug half ihn die Qualität zurück zu gewinnen. Die Dame wurde abgelenkt und mit einem Damen-/Läuferbatterie Matt gedroht, dass nur unter großem Materialopfer verhindert werden konnte. Das wollte der Gegner sich nicht antun und gab auf. Ein glücklicher Sieg für uns und sicher der Knackpunkt des Wettkampfes.
2,5 – 0,5

Die Gegner mussten „All-in“ gehen, um eine Chance zu haben.

Das Problem war, dass die Gastgeber in den anderen Stellungen keinen greifbaren Vorteil hatten. Oliver stand vielleicht ein wenig positionell fragwürdig und bei Kai stand das Brett in Flammen. Doch auch unser Mannschaftsführer versprühte Siegeswillen. Die beiden Spitzenbretter hatten ebenfalls einen leichten Stellungsvorteil. Es sah gut für die Rattenfänger aus.

Bei Dennis wurde nach einer recht ruhigen Eröffnung mit wenig Höhepunkten einige Figuren getauscht. Keine Seite konnte einen elementaren Vorteil erzielen. Die Stellung blieb bis ins Endspiel im dynamischen Gleichgewicht. Da war die Punkteteilung nicht mehr zu verhindern.
3,0 – 1,0

Bei der Partie von Kai war es schon verdächtig, dass beide Spieler einen Benzinkanister mit ans Brett brachten. Schon nach wenigen Zügen stand die Stellung in Flammen. Hier ein Springereinschlag, da ein Bauernopfer, Schach und der König verliert sein Rochaderecht, es drohten Springerabzüge, mit einfachem Schach und Doppelschach, gefräßige Springer hier, schwache Grundreihe dort. Es ging hin und her, dass letzte Mal, dass ich so eine Partie gesehen hatte, war noch mit unserem ehemaligen Spitzenspieler „Morten Weyrich“. Kai konnte letztendlich eine Qualität gewinnen, dann noch eine Qualität. Dafür verkroch sich sein König in die Ecke und sein Turm auf h1 spielte nicht mit. Beide Seiten verspürten dann einen gewissen Zeitdruck. Nun schlug aber die „Hamelner Blitzhärte“ zu. Routiniert konnte Kai alle Drohungen abwehren und mit „hängender Fahne“ die gegnerische Dame gewinnen.
4,0 – 1,0

Der Drops war gelutscht. Auch in den anderen drei Partien konnten nur die Hamelner gewinnen. Ein hoher Auswärtssieg konnte somit nicht mehr verhindert werden.

Oliver vermied es erst mal, alle Zentrumsbauern zu bewegen. Das brachte ihm Raumnachteil und eine schwierige Verteidigungsstellung.
Doch sein Gegenüber konnte nicht den richtigen Hebel finden. So stopfte Oliver einen Springer ins Zentrum, deckte in zweimal mit dem Bauern und konnte sich konsolidieren. Sein Gegner setzte alles auf einer Karte, opferte erst einen Bauern, später die Dame gegen zwei Türme. Doch cool verteidigte unser erster Vorsitzender seine Stellung und konnte einen Bauern bis auf die Grundreihe laufen lassen. Bravo, Nerven behalten und gewonnen.
5,0 – 1,0

Bei Matthias versuchten beide Seiten die Initiative an sich zu reißen. Doch lange Zeit konnte keine Seite einen entscheidenden Vorteil für sich erzielen. Der Übergang vom Mittelspiel zum Endspiel war dann günstig für Matthias, der im Doppelturmendspiel einen Turm gefährlich auf die 2. Reihe bringen konnte. Nach der Zeitnotphase waren dann 2 Mehrbauern der Garant, dass nur der Hamelner gewinnen konnte. Sicher im Endspiel konnte Matthias den vollen Punkt auf der Habenseite verbuchen.
6,0 – 1,0

Nachdem nun überraschenderweise der polnische GM Wilfried ’s Gegner war, behielt unser Spitzenspieler kühlen Kopf. Wie üblich war sein Schachstil daraus ausgelegt, dass es nur zwei Ergebnisse geben konnte. Sicher – ohne zu viel Risiko – wurden die Figuren auf die optimalen Felder gezogen. Als sein Gegner nun mehr Risiko eingehen musste, konterte Wilfried eiskalt. Schnell mal eine Qualität gewonnen und ins gewonnene Endspiel abwickeln. Hier zeigte es sich, dass es nicht nur reicht, Mehrmaterial zu haben, man muss es auch verwerten. Nun zeigte der GM außergewöhnlich viel Kombinationsgabe und konnte einen gefährlichen Freibauern generieren. Schon glaubte man, dass Willi gar auf Verlust stand, doch im richtigen Augenblick wurde der sichere Remishafen angefahren.
6,5 – 1,5

Was für ein Wettkampf. Das letzte Mal, dass wir einen Wettkampf in der Oberliga so hoch gewonnen haben, war gegen Uelzen in der Saison 2010/11. Lange ist es her. Diesmal passte einfach alles und der Sieg von Yannick war sicherlich der Genickbruch für unsere Gastgeber. Nun sind wir endgültig mit 6 Mannschaftspunkten aus dem Abstiegssumpf entstiegen und Kai hatte sogleich neue Ziele ausgegeben. Nach Kirchweyhe und Lister Turm wollen wir nun „Best of the Rest“ werden und unseren dritten Tabellenplatz verteidigen. In der nächsten Runde gegen Kirchweyhe können wir damit anfangen. Hatte nicht eins David den unbesiegbaren Goliath geschlagen? 😉 Acht Steine liegen schon parat!

Was ist noch in der Liga passiert?

Kirchweyhe pulverisiert wenig überraschend SF Hannover, der Lister Turm musste in Hellern mehr Widerstand als erwartet brechen. Oldenburg gewinnt knapp gegen Tostedt (die fast in Bestbesetzung angetreten waren). Eine große Überraschung gelang Lehrte, die die favorisierten Spieler von Nordhorn-Blanke niederrangen. Somit hat SF Hannover 1 MP, davor Delmenhorst mit 2 MP. Tostedt weiterhin mit 3 MP. Oldenburg, Lehrte und Nordhorn-Blanke mit 4 MP. Da Delmenhorst noch gegen die beiden Topteams antreten müssen, haben sie realistisch betrachtet nur noch zwei Partien, um zu punkten. Die SF Hannover haben noch 4 Patronen im Revolver. Somit wird es weiterhin spannend im Tabellenkeller. Auch die Teams mit 3 und 4 Punkten dürfen sich nicht darauf ausruhen. Schnell mal gewinnt ein Außenseiter, wie es in dieser Saison schon häufiger vorgekommen ist.

5 Kommentare

  1. War doch ne saubere Vorstellung. Die Form sollten wir noch drei Jahre halten, dann sind der HSK und Kirchweyhe aufgestiegen und wir ziehen nach in die 2te Bundesliga… Ziele muss man haben! Danke für den Bericht, Lutz.

  2. Ich könnte es auch kaum glauben wie viele Partien in kritischer Stellung gut für uns gut verliefen:
    Der gegnerische Freibauer am Spitzenbrett sah zeitweise sehr gefählich aus, beim Doppelturmendspiel von Matthias hatte ich teilweise den Eindruck als würde der Gastgeber leicht besser stehen.
    Bei den zeitweise drohenden Doppelschachs, musste Kai sehr genau spielen und auch mein Gegner fand einige für mich sehr unangenehme Züge, die mich – in Zeitnot befindend – noch mal ordentlich zum Schwitzen brachten.

    Was den folgenden Spieltag gegen Kirchweyhe und die 8 Steine betrifft, wird es mit ominöser „seriöser“ Vorbereitung und genügend Zielwasser schon klappen mit dem ein oder anderen Stein zu treffen. Dann man schnell ans „Wurftraining“. 🙂

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